Nebenan.de: Community statt Hass, Hetze und digitalem Heroin
Social Media wird immer mehr zu Media, statt Menschen zusammenzubringen. Es geht auch anders.
Themen in Ausgabe #14
Das zweite Interview ist live! 🥳 Heute gibt es eine Recap mit meinen Erkenntnissen und Gedanken meinem ausführlichen Gespräch mit Philipp Witzmann, CEO von nebenan.de.
Nebenan.de: Ein soziales Netzwerk, das sich auch so nennen darf
Für die aktuelle Folge von Values & Ventures sprach ich mit Philipp Witzmann. Er ist der CEO von nebenan.de, dem größten deutschen Nachbarschaftsnetzwerk. 4,7 Millionen Menschen nutzen die Plattform, 1,3 Millionen davon sind monatlich aktiv, mit 37 Millionen Interaktionen laut Wirksamkeitsbericht 2025. Das Gespräch hat mir gezeigt: Wir müssen nicht akzeptieren, wohin Social Media mit X, TikTok, Facebook oder Instagram seit Langem driftet: Süchtig machend, polarisierend und vereinsamend. Dabei kann Social Media das Gegenteil sein, wenn es wieder mehr „Network“ und weniger „Media“ ist.
Hier sind meine Erkenntnisse:
Vom Rocket-Internet-Manager zum Nachbarschaftsstifter
Philipps Weg zu nebenan.de begann in einem Hotelzimmer in Boston, wo er übers iPad die ersten Schritte seines Sohnes sah. Dieser Moment wurde zum Auslöser einer Kurskorrektur, die er mit dem Modell der Spiral Dynamics verknüpft: Optimiere ich weiter für mein Bankkonto, oder bringe ich mein Skillset dort ein, wo ich gesellschaftlichen Mehrwert stiften kann? In Kanada lernte er Mitgründer Christian Vollmann kennen und stieg im März 2020 als CEO ein. Sein Fazit dazu: „Alle arbeiten nicht nur bei nebenan, sondern auch für nebenan.“
Das Produkt: Bewusst „kleiner“ statt viral
Nebenan.de unterscheidet sich fundamental von Plattformen wie TikTok, X (Twitter) oder Instagram:
- Klarnamenpflicht mit Ausweisverifizierung statt anonymer Accounts
- 15.000 kleine, geografisch begrenzte Netzwerke. Nur die eigene Nachbarschaft plus angrenzender Ring, etwa zehn Minuten Fußweg oder Autofahrt
- Keine süchtig machenden Algorithmen, größtenteils chronologischer Feed, nur 17 Minuten durchschnittliche Nutzungszeit pro Monat
- Aktive Moderation statt KI-Auslagerung oder erzwungene Überforderung der Moderator:innen, weil zu wenige Ressourcen Inhalte prüfen
- Keine politische Kommunikation, außer hochlokal, weil politische Diskurse laut Philipp fast immer zu Polarisierung führen
Ergebnis: signifikant weniger Hate Speech und Fake News und eine Kommunikationskultur, die schlicht netter ist, weil man sich im Hausflur oder im Supermarkt begegnen könnte.
Sechs Wirkungsbereiche – Impact, der sich messen lässt

Der jährliche Social-Impact-Report von nebenan.de deckt Gemeinschaft, Wohlbefinden, Solidarität, Nachhaltigkeit, lokale Wirtschaft sowie Sicherheit und Zusammenhalt ab.
Zentrale Zahlen:
- 30 % der Nutzenden fühlen sich nach kurzer Zeit weniger einsam,
- 80 % haben im letzten Jahr Hilfe erhalten oder geleistet.
- 150.000 aktive Kleingewerbe und 60.000 Vereine nutzen die Plattform für Kommunikation und Ehrenamts-Rekrutierung.
- 37 % der Neu-Nutzenden geben an, andere soziale Netzwerke aufgegeben zu haben – ein Zeichen für „Social Media Fatigue“, von der nebenan.de profitiert.
Fokus auf den deutschen Markt
Nebenan.de sieht sich kaum im direkten Wettbewerb mit dem US-Pendant Nextdoor, das trotz erheblicher Investitionen zwischen 2018 und 2020 in den großen deutschen Städten kaum Fuß fassen konnte. Philipps Einschätzung: Nachbarschaftsnetzwerke sind ein „Winner takes it all“-Markt mit inzwischen teurem Markteintritt. Obwohl Deutschlands Bevölkerungsverteilung (30 % Großstadt, 30 % Mittelstadt, 40 % ländlich) eigentlich kein ideales Umfeld für ein solches Modell bietet, funktioniert es, weil Nachbarschaft hierzulande dann doch einen hohen Stellenwert hat. Frühere Aktivitäten in Spanien, Frankreich und Italien wurden 2023 zugunsten des Kernmarkts Deutschland eingestellt.
Übrigens sind die meistgenutzten Features der lokale Marktplatz (rund 700.000 Listings pro Monat), Empfehlungen für lokale Dienstleister und klassische Nachbarschaftshilfe.
Das Geschäftsmodell: Profitabilität ohne Ausverkauf der Werte
Drei Erlösströme tragen das Unternehmen:
- Förderungen: Nutzende spenden freiwillig. Das ist der größte, wachsende Strom
- Werbung: Nativ eingebettet, unter strengen Kriterien
- Lokale Gewerbe-Abonnements: Vom Bäcker bis zum Filialisten
Unter Philipps Führung sank der Cash-Burn um 30 bis 40 % pro Jahr, während der Umsatz um 20 bis 23 % wächst. Die Nutzerakquisekosten liegen bei nur 10 % des Niveaus von vor drei Jahren, weil über 85 % der neuen Nutzer:innen über Empfehlungen kommen. Hauptanteilseigner Burda erhält dabei laut Philipp nur Einblick in Umsatz- und Aktivitätszahlen, keinen Zugriff auf Nutzerdaten.
Überraschender SEO-Vorteil durch echten Content
Während viele Publisher unter Google-Updates leiden, sah nebenan.de im April einen Traffic-Boost von 28 %. Ein Treiber: Die SEO-Seiten der Plattform zeigen echten, user-generierten Content, den Google-Algorithmen offenbar als besonders vertrauenswürdig erkennen. In einer Welt, in der inzwischen mehr Content KI-generiert als menschengemacht ist, werden diese Inhalte zu einem Wettbewerbsvorteil.
Nebenan.de hätte die Chance, noch viel mehr Content für die Reichweite zu nutzen. Derzeit sind aber z. B. nur Marktplatzangebote crawlbar, weil hier die Reichweite auch den User:innen etwas bringt. Alle anderen Konversationen finden
Klare Haltung zur Regulierung von Social Media
Philipp ist klar für ein hochgesetztes Mindestalter für Social Media. Sein Argument: Solange Werbeindustrien ihre Algorithmen nicht offenlegen müssen, ändert sich nichts an den süchtig machenden Algorithmen. Als weitere Gefahr sieht er, dass User:innen insbesondere rechtem Content ausgesetzt werden. Er verweist auf Studien mit Testaccounts. Unabhängig von ihrer ursprünglichen politischen Ausrichtung, bekamen diese zunehmend rechtsgerichteten Content ausgespielt, obwohl die Accounts nicht mit Content interagierten.
Mehr zu den Studien auf Netzpolitik.org: „TikTok und X pushen rechte Parteien“

LinkedIn als Haltungsraum, nicht als Wachstumsmaschine
Philipp hat aufgehört, mit einer Agentur an seiner LinkedIn-Positionierung zu arbeiten, weil sich die Kosten als auch der Aufwand nicht rechneten. Heute postet er frei, manchmal auch inspiriert von politischen Podcasts, die er beim Sport hört. Sein erfolgreichster Post war kein großes Statement, sondern ein einfacher Leadership-Hack: regelmäßige, informelle Coffee-Walks mit Mitarbeitenden, um als CEO nicht auf „die mächtigste Person im Raum“ reduziert oder angehoben zu werden, sondern auch der Enabler Philipp sein zu können.
Mein Take: Nicht immer ist der ROI von Social-Posts direkt ersichtlich. Ich bin sicher, dass Philipp auf LinkedIn die Aufmerksamkeit von Medien als auch potenziellen Mitarbeiter:innen erzeugt.
Persönliche Geschichten statt großer Kampagnen
Dass nebenan.de funktioniert, kann ich bestätigen. Über das Netzwerk fanden zwei Katzen zu uns, die ein neues Zuhause suchten. Über nebenan.de fanden wir auch Familien, die die Kater versorgen, wenn wir verreist sind. Philipp ist selbst ein Power-User der bei Festen innerhalb eines Tages von Nachbarn mit Dutzenden Stühlen und Tischen von Nachbarn versorgt wurde. Bohrer, Hammer, Leiter, innerhalb von Stunden findet man auf der Plattform Hilfe.
Fazit
Das Gespräch mit Philipp Witzmann bestätigt für mich: Digitale Souveränität, Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg schließen sich nicht aus, sie können sich gegenseitig bedingen. Nebenan.de stiftet mit Klarnamen, aktiver Moderation und Verzicht auf süchtig machende Algorithmen einen gesellschaftlichen Mehrwert und skaliert profitabel. Das passiert bewusst langsamer als der „exponentielle Hockeystick“, den Investoren oftmals erwarten. Dadurch werden jedoch Werte nicht verraten und Vertrauen nicht verspielt. Nebenan.de ist für mich ein Weg zurück zu den Wurzeln des Internets und sozialen Netzwerken, die Leute tatsächlich zusammenbrachten. Ganz ohne Spektakel, sondern mit Millionen von kleinen Geschichten übers Zusammenleben und Informationen, die tatsächlich für unser Leben relevant sind.
Die Fortsetzung meiner KI-Keynote. Sei auf dem COBUS Forum dabei!

Ich möchte das Business-Ökosystem in Europa, insbesondere den Mittelstand in der DACH-Region stärken. Deswegen freut es mich sehr, auf dem COBUS Forum in Bünde die Opening Keynote zu halten.
Die Keynote widmet sich dem KI-Hype und bietet folgendes:
- KI-Übersicht: Jobmarkt, China vs. Europa vs. USA, KI-Investitionen
- Greifbare Anwendungsfälle aus meiner Zeit im Tech-Konzern und meinem jetzigen Media-Unternehmen Spreedia
- Tipps, wie Unternehmen und Mitarbeitende in den KI-Modus kommen
Unter dem Motto create. connect. involve wird das COBUS Forum in der alten Mühle in Bünde am 10. September 2026 zum Treffpunkt für digitale Vordenker, Zukunftsgestalter und starke Netzwerke.
Bis dann und bleibe souverän!
Ben
Petitionen, die du unterstützen kannst
Fundstücke im Web
🤖 KI-Musik: GEMA setzt sich gegen SUNO durch und definiert Maßstäbe für internationales Urheberrecht (Gema)
They won't ever disappear
We were here, we were here, we were really here
And the rains get rough, but time can't wash us off
We won't ever disappear
Mein heutiger Song ist „We Were Here“ von BOY. Ab jetzt in der Values & Ventures Playlist auf Spotify.
Eventkalender
📅 Kalender: Digitale Souveränität & Nachhaltigkeit
13.-14.04.2027 data:unplugged | Münster
📅 Kalender: Startups & Entrepreneurship
15.09.2026 Startups for Tomorrow | München
28.-30.09.2026 Bits & Pretzels | München
17.-18.10.2026 Entrepreneurship Summit 2026 | Berlin
📅 Kalender: Mixed
23.-24.09.2026 DMEXCO | Köln
17.-18.02.2027 E-Commerce Berlin Expo 2027 | Berlin
03.-05.05.2027 OMR Festival | Hamburg
📅 Wo ihr mich definitiv trefft:
26.-30.08.2026 gamescom | Köln
10.09.2026 COBUS Forum | Bünde (Opening Keynote) 👀
29.10.2026 VideoDays Festival | Köln (Masterclass)
Fehlt ein wichtiges Event? Lass es mich wissen.
Values & Ventures ist ein Projekt von Spreedia. Der Podcast mit Ben Harmanus ist gestartet. Wenn dir dieser Newsletter gefällt, teile ihn mit Menschen, denen er nutzt.