Unsere fehlende digitale Souveränität entfesselt die Disruptoren der Zukunft
Die Krise als Chance für Europas Entrepreneure und Startups.
Ausgabe #4
Krise? Chance für Europas Startups!
Jahrzehntelang haben wir unsere Unternehmen auf US-Technologien aufgebaut, haben uns abhängig gemacht. Das war bequem. Oftmals zumindest am Anfang günstiger. Aber jetzt, jetzt wird uns diese Abhängigkeit zum Verhängnis.
Am Verhandlungstisch auf politischer Ebene. Beim Durchsetzen von Gesetzen. Bei der Meinungsfreiheit. Wir spüren, dass wir nicht digital souverän sind.
Zu unserer jetzigen Situation passt die Redewendung:
Wohlstand schafft Freunde, Not prüft sie.
Die Prüfung findet gerade statt. Und wir sollten nicht auf den Ausgang warten. Es gibt aber eine weitere Redewendung zur Not:
Not macht erfinderisch.
Dann, wenn es düster aussieht, entstehen Lösungen, die wir vorher nicht sehen konnten. Lösungen, die Märkte disruptieren. Dann, wenn Budgets schmelzen, wenn überall Stellen abgebaut werden und die Zeit drängt.
Nimm die Finanzkrise von 2008. In den wirtschaftlich nicht prickelnden Folgejahren entstanden Unternehmen wie WhatsApp, Slack, Airbnb oder Uber.
Als 2020 die Corona-Krise die ganze Welt zum Stillstand brachte, erlebten wir einen weiteren Innovationsschub. Mit dem digitalen Gaffer-Tape wurden in Rekordzeit Prototypen zusammengeschustert. Erst diese Krise wurde zum Brandbeschleuniger der Digitalisierung in Deutschland. Keine großen Pläne, keine politischen Agenden, keine Transformationsprojekte in unseren Unternehmen haben das geschafft.
Erst die Krise zeigte: Meetings funktionieren tatsächlich per Video Call. Erinnerst du dich noch an die vielen Zoom Call Screenshots in deiner Social-Media-Timeline? Sie offenbarten, wie rückständig Unternehmen damals arbeiteten.
Heute stehen wir vor der nächsten existenziellen Herausforderung, und sie ist deutlich leiser, aber struktureller.
Wir sind in einer Souveränitätskrise
Wir wachen in ner Realität auf, in der laut Synergy Research Group alleine AWS, Microsoft und Google zusammen ca. 70 Prozent des europäischen Cloud-Markts halten. Kritische Daten und Prozesse liegen überwiegend bei US-Hyperscalern. Kommunikationstools, KI-Assistenten, Kundendatenbanken – das Betriebssystem unserer Wirtschaft liegt in den Händen von Akteuren, die nicht unseren Gesetzen unterliegen und sie recht offensiv infrage stellen.
Es wird lobbyiert und politisch Druck ausgeübt, um uns Europäer schützende Gesetze zu entschärfen oder zu kippen. Die DSGVO war ein wichtiger Schritt, um Regeln zu definieren, aber Datenschutz schützt nur deine Privatsphäre, nicht deine unternehmerische Handlungsfähigkeit. Das Problem ist nicht gelöst, solange der amerikanische CLOUD Act den US-Behörden Zugriff auf deine Server erlaubt. Es ist dabei auch irrelevant, ob die Server in Kalifornien oder, wie es uns so oft als Sicherheitsmerkmal verkauft wird, in Frankfurt stehen.
Unsere Abhängigkeit wird schmerzhaft sichtbar, wenn politische Konflikte plötzlich zu technischen Sperren werden
Dem Franzosen Nicolas Guillou, Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wurden nach US-Sanktionen digitale und finanzielle Dienste entzogen oder stark eingeschränkt, unter anderem Visa, Airbnb und Amazon.
Er wurde sanktioniert, weil er als Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, an der Entscheidung beteiligt war, Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu zu autorisieren. Ob der Haftbefehl berechtigt war oder nicht, ist in erster Instanz nicht relevant. Entscheidend ist: Ein unabhängiges internationales Gericht hat ein Urteil gefällt. Und ein europäischer Richter bezahlt dafür im Alltag einen Preis.

Der Organisation HateAid, die uns vor Hassrede im Netz schützen will, wurde mit Einreiseverboten belegt. Einreiseverbote, die sogar die Familienangehörigen betreffen. Wir Europäer sollen US-Unternehmen nicht in die Verantwortung zwingen und Social Media regulieren. Die Alternative ist aber leider ein rechtsfreier Sumpf von Hass und süchtig machenden Algorithmen. HateAid warnt davor, dass solche Sanktionen dazu führen, dass US-Unternehmen den Zugang zu ihren Diensten sperren müssen.
Das fühlt sich für mich bedrohlich an. Und jetzt kommen wir zu dir. Wie souverän bist du wirklich, wenn dein Business, deine Dokumente, deine Team-Drives, deine Kommunikation, dein Projektmanagement, deine privaten und geschäftlichen Konten und Zahlungswege auf Infrastrukturen laufen, die ausländische Unternehmen auf Zuruf abschalten können oder abschalten müssen?
Wie gut schützt du tatsächlich die Daten deiner Kontakte, all deine Konversationen oder innovative Geschäftsideen, wenn die US-Regierung nicht nur die Freigabe der Daten fordern kann, sondern Hintertüren in deine Cloud-Dienste hat?
Handelt es sich um ein US-Unternehmen und der Serverstandort befindet sich in Europa, dann schützt dich die DSGVO überhaupt nicht vor einem Zugriff. Das ist die Krise, in der wir gerade stecken.
Und jetzt kommt das „Aber". 😎
Ich erwarte einen Euro Tech Boom
Genau diese Souveränitätskrise wird die nächste Welle an Disruptoren entfesseln. Der Markt braucht Alternativen und clevere Unternehmer:innen bauen sie. Ich sehe bereits, wie sich das Ökosystem formiert. Und ich selbst bin mit Values & Ventures und meinem Media Label Spreedia vielleicht gar kein so schlechtes Beispiel:
- Anstelle von Notion nutze ich Anytype.
- Statt Drive, Email, Docs oder Sheets im Google Workspace nutze ich beruflich wie privat die Lösungen von Proton und Infomaniak.
- Auch für LastPass, Zoom, Google Authenticator oder VPNs gibt es richtig gute Lösungen von Proton.
- Für meine Websites, Newsletter und Blogs wollte ich beehiiv nutzen, aber jetzt kommt Open Source Software von Ghost und Postal auf einem nachhaltigen Server von Infomaniak in der Schweiz zum Einsatz.
- Von Infomaniak gibt es übrigens einen KI-Chat namens Euria, bei dem deine Daten nicht unkontrolliert abfließen. Probier ihn mal aus. Empfiehl Euria Freunden und Verwandten.
Hier ist eine Übersicht von Softwarelösungen, bei denen ich bereits umgestiegen bin oder gerade umsteige:

Digitale Souveränität ist jetzt nicht mehr nur ein abstraktes Thema für Behörden, die kritische Infrastruktur stellen. Digitale Souveränität wird zu einer Freiheitsfrage, zu einer Existenzfrage, zu einer Autonomiefrage.
Digitale Souveränität wird zum messbaren Wettbewerbsvorteil. Zum USP. Zum Vertrauenssignal in der Feature-Liste. DSGVO-konform war gestern, weil DSGVO-Konformität nicht genug ist. Sie sorgt zwar dafür, dass du nicht abgemahnt wirst. Sie regelt, wer theoretisch in Europa Daten anfassen sollte.
Digitale Souveränität hingegen stellt sicher, wer überhaupt Zugriff haben kann – und schließt dadurch eben auch aus, dass ein US-Konzern über den CLOUD Act stillschweigend mitlesen darf. Wenn du deinen Kund:innen sagen kannst: „Wir arbeiten mit souveränen europäischen Tools, eure Daten unterliegen nur europäischem Recht und wir sind nicht von den Launen der US-Administration abhängig", führst du Verkaufsgespräche, bei denen andere nicht mehr am Verhandlungstisch sitzen.
Digitale Souveränität ist also keine defensive Abwehrmaßnahme. Sie ist eine historische Marktchance.
Wenn das Geld in unserem europäischen Ökosystem bleibt, entstehen hier Arbeitsplätze, Steuern werden hier gezahlt und der Wertschöpfungsabfluss wird verringert. Heute, genau in diesem Moment, entstehen die Disruptoren von morgen, die souveräne Alternativen zu Tech-Monopolen bauen.
Lass dir nicht erzählen, dass die aktuelle Abhängigkeit von US- und China-Technologie unveränderbar ist. Sie ist DAS Spielfeld für eine neue Generation von Gründer:innen. Jeder Dienst, der uns aktuell in einen nicht-europäischen Vendor Lock-in treibt, ist eine Vorlage für eine europäische Lösung bzw. ein europäisches Start-up. Wir müssen hier bauen und hier skalieren. Hier in Europa. Hier in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz. Das ist unsere Chance, nicht nur Risiken zu minimieren, sondern eigene globale Standards Made in Germany oder Made in Europe zu definieren.
Wenn du als Gründer:in diese Infrastruktur nicht bauen willst, überlege dir trotzdem genau, wie du das digitale Betriebssystem deines Unternehmens aufbaust. Vielleicht gibt es den einen oder anderen Service, den du austauschen kannst.
So wirst du nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt souverän.
Wenn dir die Show gefällt: Abonnieren, ⭐⭐⭐⭐⭐ geben oder ein 👍 da lassen. 🙏
Microsoft gibt Daten europäischer Beamter an US-Behörden weiter
In den Niederlanden sollen Mitarbeitende der Verbraucher- und Wettbewerbsbehörde ACM sowie der Datenschutzbehörde AP betroffen sein. Diese Personen arbeiten konkret an der Umsetzung des Digital Services Act der EU.
Microsoft übermittelte laut dem niederländischen Magazin Vrij Nederland E-Mails, Sitzungsprotokolle und Einladungen an US-Behörden. Mit Namen. Ungeschwärzt.
Der Hintergrund ist der US Cloud Act, über den ich in der aktuellen Show-Folge spreche. Dieses Gesetz verpflichtet US-Konzerne dazu, Daten auf Verlangen an US-Behörden herauszugeben. Egal wo diese Daten gespeichert sind. Auch auf Servern in der EU.
Das bedeutet: Wer europäisches Recht durchsetzen soll und dabei US-Software nutzt, riskiert, dass die eigene Arbeit, die eigenen Kontakte und die eigene Identität in Washington landet.
Staatssekretärin Willemijn Aerdts sprach das beim neuen US-Botschafter direkt an. Sie nannte das Vorgehen „äußerst unerwünscht". Was wir Europäer uns wünschen, ist aber unerheblich. Was wir tun, wird zählen. Nicht reaktiv, sondern aktiv.
Let's build!
Quelle: WinFuture.de
WhatsApp startet vollständig private „Inkognito"-Gespräche mit seinem KI-Chatbot

Bei WhatsApp sollen KI-Chats nach dem Schließen verschwinden. Meta sagt, niemand könne diese Gespräche mitlesen. Nicht die Nutzer:innen. Nicht das Unternehmen. Niemand.
Das klingt gut, aber woher kommt Metas großes Interesse an Datenschutz und Privatsphäre? Gerde erst schaltete Meta die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Instagram-Direktnachrichten ab (Mein LinkedIn-Post).
Bedenklich: Genau dort, wo Menschen am verletzlichsten sind, wird die KI zum Vertrauten: Gesundheit. Beziehungen. Karriere. Krise.
Zu diesen vertraulichen Gesprächen gibt es keine Logs. Wenn KI also einen Schaden verursacht, verschwindet die Spur. Keine Beweisführung. Keine saubere Aufarbeitung.
Was als kundenzentrierte Design-Entscheidung rüberkommen soll, ist ein reales Haftungsproblem. In den USA wird bereits gegen KI-Firmen geklagt, weil Chatbots nach Angaben von Familien Suizidgedanken verstärkt, Abhängigkeit gefördert oder Menschen in destruktive Spiralen gezogen haben.
Drei Fälle, die zeigen, wie ernst das ist:
- Sewell Setzer III, 14, aus Florida. Seine Familie klagt gegen Character.AI; Berichte nennen extrem problematische, emotional manipulative Chats kurz vor seinem Tod.
- Adam Raine, 16, aus Kalifornien. Seine Familie wirft OpenAI vor, ChatGPT habe seine Suizidgedanken verstärkt und seine Abhängigkeit gefüttert.
- Stein-Erik Soelberg. Laut einer Klage soll ChatGPT seine Paranoia und sein Wahnverhalten bestätigt haben, bevor er seine Mutter und sich selbst tötete. (Quelle: news.bloomberglaw.com)
Ein privater WhatsApp-Chat ist nicht automatisch ein sicherer Chat. Vor allem nicht in den Händen von Kindern und Jugendlichen, aber auch anderen gesteigert vulnerablen Menschengruppen.
Wer KI in die intimsten Gespräche des Alltags schiebt, darf die Verantwortung nicht mit „incognito“ aus dem Fenster werfen.
Europa muss regulieren.
Private Nutzung: Ja, bitte! ✅
Kontrollverlust und Haftungsfreiheit: Nein! ⛔
Falls du von WhatsApp weg möchtest, empfehle ich dir das kostenlose Signal. Ich benutze es mit meiner Familie, den Eltern und Kindern meines Fußballteams, und vielen anderen Menschen - und es werden immer mehr.
Quelle: bbc.com
Values & Ventures: Behind the Scenes
Ich bin sehr froh, dass ich die Frequenz von einem Video und einem Newsletter pro Woche halten kann. Dazu kommen viele LinkedIn-Posts rund um digitale Souveränität, Nachhaltigkeit und was mich sonst noch beschäftigt.
Neben der Content-Produktion geht es aber auch mit vielen anderen Dingen voran:
🏗️ Wir machen Fortschritte im Studio. Video, Licht und Sound funktionieren, aber wir feilen noch an der Einrichtung. Diese Woche sind die Wände dran. Hoffentlich werden die so, wie Alex und ich es uns vorstellen.
🙍 Heute ging eine Solo-Folge der Values & Ventures Show heraus. Ziel ist es aber, sich mit herausragenden Menschen zu unterhalten, um dein nachhaltiges und souveränes Wachstum mit inspirierenden Inhalten zu unterstützen. Die ersten bestätigten Interviews gibt es, aber noch steht das Line-up unter Verschluss.
🤝 Zudem gibt es bereits Gespräche mit Partnern, mit denen Values & Ventures zusammen arbeiten wird. Die kommen zu diesem Zeitpunkt früher als erwartet, denn eigentlich wollte ich mich vorerst komplett den Aufbau von Content und Prozessen fokussieren.
So ist das. Als Gründer hält man viele Bälle in der Luft. Prioritäten können sich ändern, wenn sich überraschend große Chancen auftun. Die Frage ist: Wann muss man zugreifen, wann „Nein" sagen und
Petitionen in dieser Woche

Das wäre ein gefährliches Signal: Europas Gesetze müssen durchgesetzt werden, um Souveränität und Sicherheit zu wahren.
200.000 Unterschriften knacken: Fordere Ursula von der Leyen und die EU-Kommission auf, den Digital Markets Act konsequent gegen Google durchzusetzen.
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer schaut bei der Pestizid-Problematik weiter konsequent weg. Statt Risiken ernst zu nehmen, Pestizide zu reduzieren, gefährliche Stoffe zu verbieten und Daten offenzulegen, setzt das Ministerium auf Haushaltseinsparungen. Gefahren werden sprachlich beschönigt und die Bedenken von Umweltschützer:innen ignoriert. Nun will Rainer auch noch die geplanten bundesweiten, staatlichen Pestizid-Luftkontrollen streichen – obwohl mehrfach nachgewiesen werden konnte, dass Pestizide sich kilometerweit über die Luft verbreiten und bis in Wohngebiete, Schutzgebiete und auf Bio-Felder gelangen.
Wertvolle Links:
🇪🇺 Europa greift Big Tech an: US-Cloud-Riesen droht Ausschluss (wallstreet ONLINE)
🚄 Nachhaltige Mobilität: Bahn plant günstiges Familienticket und kostenlose Bahncard für Jugendliche (mdr.de)
🟦 Datenzentralisierung: Palantir erhält umfassenden Zugriff auf britische Patientendaten. Weckruf für Deutschland. (Mein LinkedIn)
🟦 Zahltag: 200 Millionen Euro Strafe für Temu. Die EU macht ernst beim Digital Services Act (Mein LinkedIn)
🎧 Mein Song der Woche: Dreamer von Foxy Shazam (Spotify)
🎧 Mein Song der Woche: It's Not Over ('Til It's Over and Done) von Foxy Shazam (Spotify)
Eventkalender
📅 Kalender: Digitale Souveränität & Nachhaltigkeit
07.06.2026 Digital Independence Day | Virtuell, verschiedene Offline-Events
09.06.2026 Nextcloud Summit 2026 | München
17.-18.06.2026 TechRiders Summit 2026 | Köln
📅 Kalender: Startups & Entrepreneurship
18.06.2026 Hinterland of Things 2026 | Bielefeld
01.-02.07.2026 ruhrSUMMIT 2026 | Bochum
15.09.2026 Startups for Tomorrow | München
28.-30.09.2026 Bits & Pretzels | München
17.-18.10.2026 Entrepreneurship Summit 2026 | Berlin
Fehlt ein wichtiges Event? Lass es mich wissen.
Values & Ventures ist ein Projekt von Spreedia. Der Podcast mit Ben Harmanus ist gestartet. Wenn dir dieser Newsletter gefällt, teile ihn mit Menschen, denen er nutzt.