Sind Bio-Produkte wirklich die bessere Wahl?
Wie gut ist Bio, wenn die Bio-Avocado mit dem Flugzeug importiert wird? Nicolas Leschke von ECF-Farmsystems spricht über lokale Farming-Lösungen.
Wow. Ausgabe #20!
Jede runde Zahl ist für mich ein kleiner Meilenstein! Und in der 20. Ausgabe meines Newsletters teile ich mit dir Erkenntnisse aus einem Gespräch, das mit dem Anbau von Salat begann, aber schnell zur Reise durch Geopolitik, Lobbyarbeit und soziale Gerechtigkeit wurde. Und am Ende bleibt der Gedanke: Werden Dachfarmen zu einer Überlebensfrage?
Nicolas Leschke, wie gut ist Bio wirklich?
Nicolas ist Gründer und CEO von ECF Farmsystems und betreibt unter anderem gemeinsam mit REWE Dachfarmen, deren neueste in Berlin-Lankwitz auf rund 2.700 Quadratmetern Salat für 500 Supermärkte produziert. Hier sind einige Erkenntnisse, die seit dem Gespräch bei mir nachhallen.
Ein siegelloser Basilikum schlägt die billigere Bio-Eigenmarke
ECF verkauft seinen Basilikum vom REWE-Dach teurer als das Bio-Basilikum der REWE-Eigenmarke daneben. Trotz des fehlenden Bio-Siegels geht der Basilikum vom Dach besser weg. Nach Nicolas' Ansicht riechen und sehen die Kund:innen den Unterschied. Frische und Regionalität sind fassbarer. Statt im Karton herumzufahren, kam der Basilikum frisch vom Stockwerk darüber. Nicolas hatte diesen Ausgang erhofft, war aber trotzdem überrascht.
Lange Zeit ging ich überwiegend mit einer Bio-Brille durch den Markt. Bio-Siegel verengten das Feld der Produkte, die in meine engere Auswahl kamen. Aber ist Bio in allen Belangen die bessere Wahl? Es gibt gute Gründe, den eigenen Bio-Filter auf den Prüfstand zu stellen.

Wir wollen Gutes tun und stehlen anderen Ländern das Wasser
Vor Jahren fragte mich Nicolas, wie gut eine Bio-Avocado sei, die Tausende Kilometer reist, per Tanker oder Flugzeug. Nicht nur der CO₂-Ausstoß durch Lieferwege von Bio-Produkten ist ein Problem. Wenn wir Tomaten aus arideren Regionen kaufen, importieren wir faktisch Wasser. Das fehlt beispielsweise in Spanien. Dazu kommt, dass wir mit unserer Kaufkraft lokale Märkte kaputt machen. Exporteure verkaufen lieber an uns als die eigene Bevölkerung. Nicolas zieht daraus die Schlussfolgerung: „Wenn man sich selbst versorgen kann, dann sollte man das tun.” Nicolas erwähnte die Schweiz als Vorbild und ich habe mich eingelesen:
In der Schweiz gibt es das Zwei-Phasen-System für frisches Obst, Gemüse und Beeren. Kurz zusammengefasst:
Solange die Ware in der Schweiz witterungsbedingt nicht wächst oder die Lager leer sind (z. B. Salate im Winter), kann unbegrenzt Ware aus dem Ausland zu einem sehr niedrigen Zollsatz eingeführt werden.
Sobald die Schweizer Ernte einsetzt und die Bauern lieferfähig sind, schließt sich dieses Importfenster. Wer jetzt noch aus dem Ausland importieren will, muss den sogenannten Ausserkontingentszollansatz zahlen. Dieser Zoll ist gezielt so hoch angesetzt, dass ausländische Importware im Regal deutlich teurer wäre als das Schweizer Produkt.
Unterstützt werden die Phasen von einem datengetriebenen Ansatz: Wöchentlich melden Produzenten ihre erwarteten Erntemengen und der Handel seinen Bedarf. Nur wenn eine tatsächliche Unterdeckung entsteht, werden exakt berechnete Teilmengen zum günstigen Zollsatz freigegeben.
Dieser Ansatz hat seinen Preis: Schweizer Konsument:innen zahlen in den Supermärkten für frisches Obst und Gemüse im Schnitt spürbar mehr als in den Nachbarländern, unterstützen dafür aber die regionale Wirtschaft.
Und das kann zum großen Vorteil werden ...
Regionale Farmen sind auch eine Souveränitätsfrage
Nicolas Leschke sieht lokale, klimaunabhängige Produktion auch als Antwort auf die geopolitische Lage. Lebensmittelproduktion ist eine Schlüsselindustrie, wie Energie. Die Abhängigkeit von Lebensmitteln aus anderen Ländern kann Deutschland in Bedrängnis bringen.
Mein Gedanke dazu: Die aktuelle Lage führt uns vor Augen, wo Deutschland und übergeordnet Europa die Souveränität fehlt. Eine Investition in die regionale Versorgung sollte Priorität haben.
Vorstellbar wären laut Nicolas 10x größere Farmsysteme direkt auf Zentrallagern, von denen aus die Waren an weitere Filialen verteilt werden.
Sind alle Kriterien für Bio-Produkte sinnvoll?
Hydrokulturen sind per Definition nicht biozertifizierbar, weil sie nicht in der Erde heranwachsen. Da ist es auch egal, ob man ohnehin mit Bio-Saatgut, Bio-Erde im Trägermedium und ohne Pestizide arbeitet. Nicolas vermutet hinter der Erdpflicht weniger Logik als Lobbyarbeit: „Vielleicht will der Bauernverband nicht, dass diese Hightech-Systeme zur Konkurrenz werden.” Er kritisiert, dass im klassischen Feldanbau gedüngt wird, bis das Grundwasser darunter leidet.
Nicolas wünscht sich eine Art „Transparenzampel” für Produkte, die CO₂, Verpackung, Produktionsweise und Fairtrade in einem übergreifenden Siegel zusammenfasst. Ich bin der Meinung, dass man einen Schritt weitergehen könnte: Produkte sollten in all diesen Bereichen so hohe Auflagen erfüllen, dass der Import durch Besteuerung/Zölle zu teuer wird. Jemand muss den Preis zahlen, wenn Bio-Produkte einen hohen CO₂-Ausstoß verursachen.
Nachhaltige Produkte sollten nicht nur Wohlhabenden zugänglich sein
Auch wenn beim Basilikum das teurere Produkt das Rennen macht, strebt Nicolas Leschke das Gegenteil einer Öko-Premium-Marke an. Er will verhindern, dass nur Wohlhabende sich gute Lebensmittel leisten können. Seine Vision ist es, Produkte in Masse herzustellen, die länger haltbar und qualitativ hochwertiger sind, aber im Preis konkurrieren können. Eine bemerkenswerte Haltung in einer Branche, in der Nachhaltigkeit gerne als Preisaufschlag verkauft wird. Das erinnert mich an mein Gespräch mit Victor Haisch und Louisa Haisch, den Co-Gründer:innen von Razeco. Beide unterstrichen, dass Nachhaltigkeit alleine nicht genug ist, um noch mehr Menschen von ihren Rasierern zu überzeugen: Das Produkt muss auch qualitativ und preislich konkurrieren können.
Glück ist, wenn eine gute Gelegenheit auf Vorbereitung trifft
Oftmals sehen wir Erfolgsgeschichten als total logische Verkettungen oder wir schreiben ihnen Glück zu. Beides spielt oft eine Rolle. Nach Jahren der Produktion kam REWE auf Nicolas mit der Frage zu: „Warum haben wir eure Produkte nicht in den Berliner Märkten?" Beim ersten Termin nannte die Region ihren Basilikumbedarf: 6.700 bis 7.000 Pflanzen pro Woche. Nicolas rief mitten im Gespräch seinen Betriebsleiter an, der ohne eine Zahl genannt bekommen zu haben, exakt diese Menge als maximal machbar einschätzte. Vom Termin zum Serienstart vergingen nur Monate.
Für Nicolas ein klarer Fall von „Luck is when opportunity meets preparation.” Wer keine Erfahrungen gesammelt hat, wer nicht anpassungsfähig ist, wer Skalierung nicht beherrscht, kann die Chance nicht beim Kragen packen. Das vermeintliche Glück bleibt aus.
Auch Hightech-Farmen sind resilienter, aber nicht unverwundbar
Ernteausfälle gibt es auch in geschlossenen Farmen. Beim Basilikum kann ein ganzer Produktionsmonat durch pilzigen Mehltau dahin sein. Der strukturelle Vorteil liegt darin, dass man bei Kulturen mit 20 bis 24 Tagen Zyklus ausräumt, desinfiziert und neu startet.

Abwärme sinnvoll nutzen
Die Dachfarm beheizt sich mit der Abwärme der REWE-Kühlaggregate. Man muss sich mal vorstellen, wie viel Abwärme wir in Deutschland nicht weiter nutzen! Mein Gedanke war, dass doch jedes Data-Center eine Dachfarm bräuchte, aber hier ist die Abwärme für eine Farm nicht warm genug. Schade, denn ECF Farmsystems bekommt scheinbar viele Anfragen aus dieser Richtung.
Die Synergie im Zusammenspiel mit Märkten erregt Aufmerksamkeit. Denn Gebäude, die große Flächen versiegeln, aber wenige Arbeitsplätze schaffen, sind für Gemeinden nicht attraktiv. Deswegen stehen Google, Microsoft und Co. bei ihren Server-Bauvorhaben inzwischen vor großen Widerständen. Dachfarmen auf Supermärkten hingegen können zum „Schlüsselöffner" für Baugenehmigungen werden, weil der Mehrwert dann deutlich steigt.
Das Ende des Hauptstadtbarschs: Rückzug ist auch eine unternehmerische Entscheidung
Nach Jahren der Fischzucht mit hochwertigstem veganem Bio-Futter und zahlreichen Auszeichnungen, zog ECF die Reißleine. Der Buntbarsch in der Stolper-Truhe im Supermarkt verkaufte sich nicht gut. „Ich möchte keinen Fisch töten, der nicht verkauft wird und weggeschmissen wird”, sagt Nicolas. Der Fisch als Produkt war brillant, wurde aber nicht so hochwertig wie notwendig wahrgenommen. Das liegt auch an billigen Konkurrenzprodukten aus China. Den Fisch und Aquaponik-Farmen schreibt Nicolas nicht vollständig ab, zurzeit liegt der Fokus jedoch woanders.
Fazit: Lebensmittelanbau wird zur Überlebens- und Souveränitätsfrage
Bei mir bleibt der Eindruck, dass wir Infrastruktur und Kreisläufe unbedingt bundesweit neu denken müssen. Unzählige ungenutzte Quadratmeter befinden sich auf unseren Dächern. Abwärme bietet die Chance auf einen gewinnbringenden Einsatz. Lokaler Anbau bringt uns nicht nur frisches Essen auf den Tisch, sondern schont die Umwelt, schafft hier Arbeitsplätze und macht uns weniger abhängig von Klimabedingungen und Lieferketten aus dem Ausland.
Vielleicht können Dachfarmen eine größere Rolle für unsere Gesellschaft spielen als wir es gerade erahnen.
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I will fight them
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I can change a world for us
Come with me and
Make this vision all brand new
We can fight them
I can't say that I can win it all
But come with me and
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Let me do this
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29.10.2026 VD Award | Köln
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