Warum diese Gründer kopiert werden wollen

Wie Ucon Acrobatics aus Textilmüll Rucksäcke entwickelt – und was Gründer über Fokus, Unabhängigkeit und nachhaltige Innovation lernen können.

Warum diese Gründer kopiert werden wollen
Martin Fussenegger und Jochen Smuda von Ucon Acrobatics.

Ausgabe #27

Ucon Acrobatics fordert andere Marken auf, ihre Arbeit zu kopieren. Nicht das Rucksackdesign. Sondern den Weg, aus Textilabfällen neue Produkte zu machen. Die Hoffnung dahinter: Wenn mehr Unternehmen mitziehen, wird aus aufwendiger Pionierarbeit ein bezahlbarer Standard.

Warum das wichtig ist:

Nachhaltige Innovation wird nicht automatisch belohnt. Sie kostet Geld, verändert Lieferketten und ist am fertigen Produkt oft nicht sichtbar. Genau darüber habe ich mit den Ucon-Gründern Jochen Smuda und Martin Fussenegger gesprochen.

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Die Ucon-Gründer Jochen Smuda und Martin Fussenegger im Video-Interview auf Spotify, YouTube und Apple Podcasts.

Von T-Shirts aus dem Kofferraum zur nachhaltigen Rucksack-Marke

Jochen und Martin kenne ich seit über 25 Jahren aus der Inline-Skate-Szene. Ich habe gesehen, wie sie ihre ersten Klamotten aus dem Kofferraum verkauften. Heute entwickeln sie Rucksäcke und arbeiten daran, Materialien aus der Modeindustrie wiederzuverwenden.

Das sind meine wichtigsten Learnings aus unserem Gespräch.

1. Weniger Produkte können mehr Entwicklung ermöglichen

Ucon begann 2001 als Bekleidungslabel. Später entwickelten Jochen und Martin rund 150 Teile pro Saison. Zuletzt gingen davon manchmal nur noch 30 bis 35 in Produktion. Der Rest: Entwicklungsarbeit, die sich nicht auszahlte. Gleichzeitig liefen die ersten Taschen und Rucksäcke deutlich besser.

Jochen schlug vor, sich auf dieses Geschäft zu konzentrieren. Martin steckte noch tief in der Bekleidungsentwicklung und sah zunächst vor allem, was sie damit aufgeben würden.

Der Wechsel vereinfachte ihr Geschäft:

  • Weniger Größen und Passformprobleme.
  • Produkte, die im Sommer wie im Winter funktionieren.
  • Mehr Möglichkeiten, bestehende Modelle weiterzuentwickeln.

Jochen nennt einen bemerkenswerten Unterschied: Bei Kleidung hätten sie früher etwa 40 Prozent Retouren gehabt. Mit den Accessoires sei die Quote einstellig geworden.

Mein Learning: Bevor du mehr entwickelst, prüfe, was du weglassen kannst. Fokus kann Ressourcen freimachen, um ein Produkt wirklich besser zu machen.

2. Gute Gründerteams müssen nicht gleich sein

Martin verantwortet vor allem Produktdesign, Entwicklung und Produktion. Jochen kümmert sich stärker um Marketing und Vertrieb und bringt viele kreative Impulse ein. Ihre Ideen diskutieren und entwickeln sie gemeinsam mit dem Team weiter.

Die beiden sind sehr unterschiedlich. Was sie verbindet, ist der Anspruch an das Produkt und die Richtung, in die sich die Marke entwickeln soll.

Unterschiedliche Stärken sind hilfreich – solange man sich darüber einig ist, worauf es ankommt.

Mein Learning: Suche nicht nach einer Kopie von dir. Suche nach Menschen, mit denen du produktiv streiten kannst, ohne bei jeder Entscheidung eure gemeinsamen Werte neu verhandeln zu müssen.

3. Eine nachhaltigere Lösung darf eine Übergangslösung bleiben

Martin Fussenegger erklärt die Bestandteile der nachhaltigen Ucon-Rucksäcke.
Martin Fussenegger erklärt die Bestandteile der nachhaltigen Ucon-Rucksäcke.

Rucksäcke aus recycelten Plastikflaschen klangen für Ucon zunächst nach einem großen Fortschritt. Später stellten die Gründer diese Materialquelle infrage:

Warum Material aus der Getränkeindustrie verwenden, wenn die eigene Branche Textilabfälle produziert?

Martin formuliert ihren Grundsatz so:

„Jede Industrie muss für ihren eigenen Müll verantwortlich sein.“

Heute beschreibt er drei Wege, die Ucon je nach Ausgangsmaterial nutzt:

  • Produktionsabfälle werden mechanisch recycelt.
  • Geeignete gebrauchte Textilien werden chemisch recycelt.
  • Andere Mischtextilien werden zu Vlies beziehungsweise Filz weiterverarbeitet.

Mein Learning: Verteidige nicht dauerhaft eine Methode, nur weil du sie einmal als Fortschritt kommuniziert hast. Entscheidend ist, ob sie dich deinem Ziel noch näherbringt.

Ucon Acrobatics: Meilensteine
Ucon Acrobatics: Meilensteine

4. Purpose braucht einen Business Case

Martin konnte nicht einfach einen fertigen Rucksack aus Textilabfällen bestellen. Er musste zunächst Unternehmen finden und zusammenbringen, die bislang keine gemeinsame Lieferkette bildeten. Dafür recherchierte er monatelang und reiste mehrere Wochen durch China.

Seine Erkenntnis: Er musste die Hersteller nicht von Nachhaltigkeit überzeugen. Er musste ihnen zeigen, wie daraus ein Geschäft entstehen kann.

Die Beteiligten hatten unterschiedliche Anliegen:

  • Der Recycler wollte verbindliche Abnahmemengen.
  • Die Weiterverarbeiter brauchten verlässliche Materialqualität.
  • Die Näherei musste sich auf andere Materialien und Arbeitsschritte einstellen.

Ucon ging dafür finanziell in Vorleistung.

Mein Learning: Eine überzeugende Mission ersetzt nicht die wirtschaftlichen Interessen deiner Partner. Du musst verstehen, welches Risiko jeder Beteiligte trägt – und warum es sich für ihn lohnen soll.

5. Der größte Fortschritt ist manchmal unsichtbar

Das Design eines Rucksacks kann außen fast gleich aussehen, obwohl Material und Innenleben grundlegend verändert wurden. Genau das macht Ucons Entwicklung schwer vermittelbar. Jochen Smuda beschreibt, wie aufwendig es ist, diese Geschichte über Vertriebe, Handelsvertreter und Shops bis zu den Kund:innen zu transportieren.

Dazu kommt: Nach seiner Beobachtung haben Preisfragen wieder stärkeres Gewicht, während Nachhaltigkeit als Kaufargument weniger zieht. Das verändert die Bedingungen für Ucon, aber nicht die gewünschte Entwicklungsrichtung.

Jochen Smuda testet einen Ucon Rucksack.
Ucon Rucksack im Härtetest. Quelle: LinkedIn, Jochen Smuda

Nachhaltigkeit kann daher wieder mehr zum Verkaufsargument werden, wenn diese sich in einer längeren Lebensdauer des Produkts zeigt. So zog Jochen einen mit zehn Kilo beladenen Rucksack hinter dem Fahrrad über Pflastersteine – hinterher blieb nur etwas Schmutz zurück.

Mein Learning: Erklärungsbedürftige Produkte brauchen gutes, nicht komplexes Marketing. Umweltschutz kann leider nicht dein einziges Verkaufsargument sein.

6. Ein Siegel ist interessanter, wenn es intern etwas verändert

Ucon ist seit 2022 B Corp zertifiziert. Jochen beschreibt die erste Zertifizierung als einen Prozess, der fast zwei Jahre dauerte. Der Nutzen lag für ihn nicht nur im späteren Siegel: Das Team musste sich intensiv mit den eigenen Prozessen und Strukturen beschäftigen.

Der Overall B Impact Score von Ucon Acrobatics.
Der Overall B Impact Score von Ucon Acrobatics. Screenshot: Bcorporation.net

Gleichzeitig sei B Corp in Deutschland noch erklärungsbedürftig. Aus der Zertifizierung wird also nicht automatisch ein starkes Verkaufsargument.

Mein Learning: Die bessere Frage lautet nicht nur: „Erkennen unsere Kunden dieses Siegel?“ Sondern auch: „Welche besseren Entscheidungen treffen wir durch die Zertifizierung?“

7. Kreislauffähigkeit ist noch kein geschlossener Kreislauf

Ucon entwickelt seine Produkte mit dem Ziel weiter, sie nach einer langen Nutzung erneut verwerten zu können. Martin sagt aber auch klar: Damit daraus tatsächlich Kreislaufwirtschaft wird, braucht es funktionierende Rücknahme-, Sortier- und Recyclingstrukturen. Beim Blick auf Europa sieht er hier noch großen Handlungsbedarf.

Deshalb wollen die Gründer andere Marken mitnehmen. Laut Martin Fussenegger schlagen ihre Lieferanten Textilrecycling inzwischen auch weiteren Kunden vor. Ucon ruft auf der Website dazu auf, Prozesse zu kopieren. Mehr Nachfrage könnte helfen, Verfahren zu etablieren und Kosten zu senken.

Mein Learning: Nicht jeder Wettbewerbsvorteil muss exklusiv bleiben. Manchmal wächst die Wirkung der eigenen Arbeit gerade dadurch, dass andere sie übernehmen.

Mein Fazit: Unabhängigkeit schafft Entscheidungsspielraum

Jochen und Martin haben Ucon 25 Jahre ohne externe Investoren aufgebaut. Sie wollten entscheiden können, welche Produkte sie entwickeln und welchen Weg die Marke einschlägt. Beide vermuten, dass manche ihrer aufwendigen Entwicklungen mit anderen Renditeerwartungen schwerer umzusetzen gewesen wären.

Das ist keine Garantie dafür, dass jede wertegetriebene Entscheidung wirtschaftlich aufgeht. Jochen sagt selbst, dass sich nicht jede Investition rückblickend als finanziell beste Wahl erwiesen hat.

Für mich zeigt das Gespräch vor allem: Unabhängigkeit ist wertvoll, wenn du weißt, wofür du sie nutzen möchtest.

Bis dann und bleib souverän.

Ben

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Die Ucon-Gründer Jochen Smuda und Martin Fussenegger im Video-Interview auf Spotify, YouTube und Apple Podcasts.

Mission Impossible? 50 Tipps in 20 Minuten für Video Creator

Ben Harmanus ist Speaker auf dem VideoDays Festival 2026.

Für das VideoDays Festival am 29.10.2026 in Köln habe ich mir ein neues Vortrags-Format überlegt. Ich versuche, 50 Tipps zu Video-Content in 20 Minuten rauszuhauen. Vielleicht willst du eine bestimmte Frage beantwortet sehen. Dann stelle sie mir hier oder auf LinkedIn, und ich schaue, ob sie es in meine Top 50 schafft.


🏭 Trotz Trump: EU-Banken haben die Finanzierung für die Kohleindustrie gesenkt (WiWo)
💙 LinkedIn Updates: Was sie für B2B Creator bedeuten (Mein LinkedIn)
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Mein heutiger Song

🎧
You got no time for the messenger
Got no regard for the thing that you don't understand
You got no fear of the underdog
That's why you will not survive

Mein heutiger Song ist „The Underdog“ von Spoon. Ab jetzt in der Values & Ventures Playlist auf Spotify.

Petitionen

Warnung: Rechtsextreme gründen „Institut für Remigration“
In Deutschland wurde vom Rechtsextremisten Martin Sellner gerade ein „Institut für Remigration“ gegründet. Wir müssen dringend etwas dagegen tun!

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📅 Kalender: Digitale Souveränität & Nachhaltigkeit
13.-14.04.2027 data:unplugged | Münster

📅 Kalender: Mixed
03.-05.05.2027 OMR Festival | Hamburg

📅 Wo du mich definitiv triffst:
29.10.2026 VideoDays Festival | Köln (Vortrag)
29.10.2026 VD Award | Köln
17.-18.02.2027 E-Commerce Berlin Expo 2027 | Berlin (Vortrag)

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